Grüne Energie in Deutschland – Wo besteht noch Verbesserungspotenzial?

Auch wenn es so manchem übermotivierten Menschen noch immer nicht schnell genug geht, müssen wir eines festhalten: Die deutsche Energiewende ist bisher ein erfolgreiches Projekt, das den meisten Ländern dieser Welt als Beispiel dient.

Binnen nicht einmal 30 Jahren hat sich der Energiemarkt komplett gewandelt. Parallel dazu ist auch das Umweltbewusstsein sowohl bei Verbrauchern als auch bei Energieproduzenten deutlich gestiegen. Dennoch gibt es natürlich zahlreiche Stellen mit langfristigem Verbesserungspotenzial. Wo aber liegt dieses Potenzial und welche Lösungen könnte die Zukunft bereithalten?

Grüne Energie – Eine aktuelle Bestandsaufnahme

Veränderungen, die über lange Zeiträume stattfinden, sind uns nicht so bewusst wie plötzliche Änderungen. Das gilt auch für die Energiewende. Immerhin ist Deutschland keine Bananenrepublik, sondern ein führender internationaler Wirtschaftsstandort mit 82 Millionen Einwohnern. Das wiederum macht den kompletten energetischen Umstieg über Nacht natürlich unmöglich. Und so registrieren leider viele Menschen nicht, wie groß die bisher erzielten Erfolge bereits sind. Werfen wir dazu einfach einmal einen Blick auf die Statistik:

Die Statistik zeigt, dass sich bereits in dem kurzen Zeitraum zwischen 2014 und 2018 einiges getan hat. Gleichzeitig zeigt sie aber auch sehr deutlich die Sektoren mit großem Verbesserungspotenzial auf. Mit beidem wollen wir uns nun etwas genauer beschäftigen.

Der ergrünte Strommarkt

Wie aus der Grafik ersichtlich ist, hat der Anteil der erneuerbaren Energien im Stromsektor allein zwischen 2014 und 2018 um mehr als zehn Prozentpunkte zugenommen. Aktuell decken wir bereits 37,8 Prozent unseres Strombedarfs durch erneuerbare Energien. Zum Vergleich: In den frühen 1990er-Jahren waren es nicht einmal zwei Prozent.
Einen Industriestandort binnen nicht einmal 30 Jahren derart umzukrempeln ist eine enorme Leistung. Das ausgegebene Ziel von 40 Prozent Ökostrom bis 2025 werden wir damit vorzeitig erreichen. Um bis 2035 auf einen Anteil von mindestens 60 Prozent zu kommen, müssen wir allerdings noch einige Baustellen beseitigen. Da die Probleme samt möglichen Maßnahmen jeweils eigene Artikel wert sind, möchten wir diese nur einmal kurz anreißen:

1. Ausbau von Speicherlösungen für Ökostrom
Ein nachhaltig stabiles Stromnetz lässt sich nur dann mit unstetem Ökostrom aufbauen, wenn es effiziente Speichertechnologien gibt. Das gilt sowohl im Maßstab großer Kraftwerke als auch im privaten Bereich in Form von effizienten und günstigen Hausbatterien. Im Großkraftwerksbereich, in dem die großen Energiemengen erzeugt werden, braucht es dagegen andere Lösungen.

Eine solche Speicheroption ist das Power-to-Gas-Verfahren. Hier wird der überschüssige Ökostrom in Gas umgewandelt, das sich platzsparend speichern lässt. Dieses lässt sich dann bei Bedarf in effizienten Gaskraftwerken rückverstromen oder alternativ ins Erdgasnetz für die Wärmeerzeugung einspeisen.

2. Ausstieg aus der Kohle
Der Kohleausstieg ist eine weitere Baustelle, an der viel Verbesserungspotenzial besteht. Immerhin soll das letzte Kohlekraftwerk bis 2038 abgeschaltet sein. Wie der Ausstieg schrittweise erfolgt und welche Auswirkungen das hat, damit beschäftigen wir uns in unserem Artikel „2038 wird das letzte Kohlekraftwerk abgeschaltet – Wie es dazu kam und was es bedeutet“.

Auch wenn die Kohleverstromung sehr schadstoffreich ist, ist sie aktuell noch ein notwendiges Übel, um die Versorgungssicherheit sicherzustellen. Das ist ein Fakt, der sich ideologisch nicht wegdiskutieren lässt. Umso wichtiger ist, dass wir uns, wie in Punkt 1 angesprochen, um effiziente Speichertechnologien für Ökostrom bemühen und deren Entwicklung nicht blockieren.

3. Abwehrhaltung lösen
Ein großer Hemmschuh für die Energiewende auf dem Strommarkt ist der Widerstand vieler Bürger. „Ökostrom und Windkraft, ja – aber bitte nicht dort, wo ich wohne.“ Nach diesem Motto verhalten sich viele Menschen. Und genau hier drückt der Schuh. Wenn wir eine Energiewende der Umwelt zu Liebe möchten, dann müssen wir Windräder, Strömungskraftwerke und Photovoltaikanlagen akzeptieren. Letzteres gilt im Übrigen auch für viele Kommunen.

Allzu häufig führen veraltete Regularien aus Baugesetzbüchern und nicht mehr zeitgemäße Vorgaben in Bebauungsplänen dazu, dass auf Privathäusern beispielsweise keine Photovoltaikanlage angebracht werden darf. Wir müssen uns entscheiden: Was ist uns wichtiger? Unsere Umwelt oder eine willkürlich definierte Baurichtlinie, die nur auf die Optik abzielt? Das geht im Übrigen auch an die Adresse einiger „besonders engagierter“ Umweltaktivisten, die zu nahezu jedem Lösungsvorschlag irgendein Argument für ihre Blockadehaltung vortragen.

4. Schneller das smarte Stromnetz etablieren
Ein intelligentes Stromnetz aus vernetzten Verbrauchern, Zwischenspeichern und Erzeugern ist um Längen effizienter. Nun befinden wir uns mit dem Austausch unserer Stromzähler bereits auf dem Weg dorthin. Nichtsdestotrotz könnte der Prozess durchaus etwas schneller verlaufen. Mehr zum Thema erfahren Sie in unseren Artikel zum Thema Smart Grid und Smart Meter.

Problemzone Wärmeversorgung

Während wir in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte im Stromsektor gemacht haben, sieht es im Heizwärmesektor eher mau aus. Immerhin stagniert der Anteil der erneuerbaren Energien hier bei rund 14 Prozent. Das Verbesserungspotenzial ist entsprechend groß – aber die Lösung ist gerade hierzulande deutlich schwieriger. Anders als die Isländer etwa sitzen wir nicht auf etlichen Vulkanen, die wir zur Heizwärmeerzeugung anzapfen können. Nichtsdestotrotz ist auch die Nutzung von Erdwärme in den dazu geeigneten Regionen eine Option.
Vielerorts werden bereits ganze Neubausiedlungen über eine zentrale Erdwärmeversorgungsstelle mit Heizenergie versorgt. Nichtsdestotrotz bleiben Öl und vor allem Erdgas mittelfristig wohl die wichtigsten Heizenergieträger. Insbesondere Erdgas ist dabei gar nicht so schlecht: Es verbrennt effizient mit einem vergleichsweise geringen CO2-Ausstoß, ist günstig und verursacht bei der Verbrennung so gut wie keinen Feinstaub. Dennoch sollten wir auch an dieser Stellschraube drehen:

5. Heizen mit Ökogas
Gas ist ein hervorragender Brennstoff für unsere Heizsysteme. Zudem ist bereits ein großer Teil unserer Heizinfrastruktur auf Gas ausgelegt. Was liegt hier also näher als der schrittweise Umstieg von fossilem Erdgas auf biologisch oder über Rückverstromung erzeugtes Ökogas? Bereits jetzt wird rund ein Prozent aufbereitetes Biomethan in das Erdgasnetz eingespeist.

6. Noch energieeffizienter Bauen
Die Energiewende hat zwei Seiten: die Erzeugung und den Verbrauch. Durch energieeffizientes Bauen und die energetische Sanierung von Immobilien lässt sich viel Energie einsparen. Und dies, ohne dass wir dadurch einen Nachteil in Sachen Komfort hätten. Merke: Jede Kilowattstunde Heizenergie, die nicht verbraucht wird, muss auch nicht erzeugt werden.

Knackpunkt Verkehr – Hier bleibt eine Menge zu tun

Ebenfalls kaum etwas getan hat sich bisher im Straßenverkehr. Die rund fünf Prozent grüner Energieträger aus der Grafik setzen sich aus Biokraftstoffen, der Beimischung von Bio-Ethanol und Elektrofahrzeugen zusammen. Ehrlich gesagt sind fünf Prozent aber noch viel zu wenig. Zudem ist dieser Wert auf die Tatsache zurückzuführen, dass die deutschen Automobilkonzerne die Zeichen
der Zeit in Sachen Elektrifizierung ein wenig verschlafen haben. Demnach gibt es auch hier einige Verbesserungspunkte.

7. Mehr nachhaltige Biokraftstoffe

In vielen Teilen der Welt produziert man große Mengen Biokraftstoffe aus Mais und anderen energiereichen Nahrungspflanzen. Das ist auch logisch, zumal sich diese Pflanzen am besten zur Gewinnung von Bioethanol eignen. Damit ist ein Großteil des Biokraftstoffs aber alles andere als nachhaltig, denn Nahrungspflanzen gehören auf den Teller und nicht in den Tank.
Zudem werden so Ackerflächen blockiert und in den Tropen sogar Regenwälder gerodet. Unsere Aufgabe ist es also, die Biokraftstoffproduktion auf ein nachhaltiges Fundament zu stellen. Hierzu müssen wir die Verfahren verbessern, um Biokraftstoffe aus Abfällen und Cellulose zu gewinnen.

8. Ausbau der Elektromobilität
Auch wenn die Elektromobilität dank steigender Reichweiten langsam Fahrt aufnimmt, ist der Status quo in Deutschland noch lange nicht zufriedenstellend. Hier mangelt es vor allem an einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur, da nicht jeder die Möglichkeit zur Installation einer privaten Ladesäule hat.
Mit einer solchen Ladeinfrastruktur auf öffentlichen Parkplätzen, an Straßen und Firmenparkplätzen treibt sich die Elektrifizierung von allein voran. Auch Steuergelder sind hier besser investiert als in Protzbauten, Berliner Flughäfen, Kunst am Bau oder sonstigen zweifelhaften Projekten. Hier gehen bereits einige Städte durch die Investition in elektrifizierte Stadtbusse mit gutem Beispiel voran.

9. Ausbau des Carsharings
Individuelle Mobilität ist ein zentraler Faktor einer modernen Gesellschaft. Dementsprechend ist der milliardenschwere Ausbau von Bus- und Bahnverbindungen in jedes Dorf keine adäquate Lösung. Im Angesicht der Tatsache, dass unsere Autos im Schnitt über 90 Prozent des Tages sinnlos herumstehen, ist der Ausbau von Carsharing-Konzepten nur konsequent. Sie können sich vorstellen, wie groß die Energieersparnis im Verkehr wäre, wenn die Standzeit auf 50 Prozent sinken würde.

10. Verzicht auf unnötige Kraftfahrzeuge
Der letzte Punkt, der in Sachen grüner Energie im Autoland Deutschland daneben läuft, ist die Autofixierung. Schätzungen zufolge wird nur jedes zweite Auto in Deutschland zwecks Kindern, Transport oder weiter Wege wirklich benötigt. Auch hier würde der Bedarf fossiler Energieträger deutlich sinken, wenn ein Teil der überflüssigen Fahrzeuge von der Straße verschwindet.
In einem freien Land ist es aber nicht die Aufgabe der Regierung oder von Parteien, Besitz und Verwendung zu verbieten. Diese Erkenntnis muss von innen kommen. Denn wer nach objektiven Gesichtspunkten kein eigenes Auto braucht, spart durch die Verwendung von alternativen Transportmitteln auch eine Menge Geld.

Fazit – Wir sind auf einem guten Weg

  • Speicherlösungen für Ökostrom
  • Früherer Kohleausstieg
  • Blockadehaltung gegen Öko-Kraftwerke lösen
  • Smartes Stromnetz schneller ausbauen
  • Heizen mit Ökogas
  • Energieeffizient bauen
  • Tatsächlich nachhaltige Ökokraftstoffe verwenden
  • Förderung der Elektromobilität bzw. der Ladeinfrastruktur
  • Ausbau und Nutzung von Carsharing
  • Verzicht auf unnötige Fahrzeugnutzung

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