So viel Strom frisst der Kryptowährungs-Boom

Wer in den vergangenen 12 Monaten nicht auf dem Mond gelebt hat, hat mitbekommen, dass der Markt für Bitcoin und Co. beinahe explodiert ist. Überall auf der Welt interessieren sich nicht nur Anleger und Spekulanten für das digitale Geld, sondern auch Glücksritter, die ähnlich wie die „49er“ während der Zeit des Goldrauschs ihrerseits nach digitalem Gold schürfen möchten.

So viel Strom frisst der Kryptowährungs-Boom
Bild: shutterstock.com/DedMityay
Da jeder einzelne Bitcoin mit hohem Rechenaufwand erzeugt werden muss, wird für die Hochleistungs-Computer natürlich auch eine Menge Strom benötigt – wie viel ist jedoch erschreckend.

Bitcoin-Mining verbraucht mehr Strom als ganz Marokko

War es vor ein paar Jahren noch möglich mit dem heimischen Computer ein paar Bitcoins zu schürfen, die aktuell einige zehntausend US-Dollar wert sind, sind es heute ganze Großfirmen, die nichts anderes tun, als diverse Kryptowährungen zu minen. Da die Kapazitäten dieser Firmen beinahe täglich wachsen und auch der Rechenaufwand zunimmt, ist jede konkrete Zahl in Bezug auf den Stromverbrauch bereits kurze Zeit später wieder veraltet. Allein für das Mining des Bitcoins soll der Verbrauch nach Berechnungen des Bitcoin-Portals Digiconomist rund 29,52 Terrawattstunden pro Jahr betragen. Das ist mehr Strom, als ihn mittelgroße Volkswirtschaften wie Nigeria (24 TWh), Irland (25 TWh) oder Marokko (29 TWh) für sich vereinnahmen. Die zweitwichtigste Kryptowährung Ether bzw. Ethereum kommt immerhin noch auf 10 Terrawattstunden.

STROMVERBRAUCH SEIT LETZTER MINUTE:
BITCOINS – WELTWEIT

234.234
26.636kWh/min


Stromhunger findet kein Ende

Und damit noch nicht genug, denn durch das andauernde Wachstum des Kryptomarktes schnellt auch der Stromverbrauch nach oben. Die Analysten der US-Investmentbank Morgan Stanley gehen sogar davon aus, dass der Stromverbrauch durch Kryptowährungen im Jahr 2018 auf insgesamt 140 Terrawattstunden ansteigen könnte. Dies entspricht wahlweise dem geschätzten Weltstromverbrauch für Elektrofahrzeuge im Jahr 2025 oder dem aktuellen Stromverbrauch ganzer G20-Staaten wie Australien, Italien, der Türkei oder Südafrika. Hält die Wachstumsrate an, befürchten Experten, dass Kryptowährungen in wenigen Jahren einen Großteil der Weltenergieproduktion verschlingen könnten.

Wer profitiert vom Energiehunger für Bitcoin und Co.?

Wo Strom verbraucht wird, profitieren natürlich auch die Energieunternehmen sowie Ölunternehmen, die in Energiefirmen investieren. Diese Tatsache ist gar nicht so negativ, wie es zunächst scheint, schließlich fließt so deutlich mehr Kapital als erwartet in den Ausbau erneuerbarer Energien. Es gibt sogar Unternehmen wie Kanadas größten Stromversorger Hydro-Quebec, die offensiv das Gespräch mit Mining-Unternehmen suchen. So etwa könnte Hydro-Quebec innerhalb von vier Jahren rund fünf Terrawattstunden Überschussstrom aus seinen Staudämmen an Miner verkaufen. Das zusätzliche „Kryptogeld“ würde das Unternehmen anschließend in den Ausbau der Netzinfrastruktur für 300.000 kanadische Haushalte stecken. Diesem Beispiel könnten auch andere Stromversorger folgen.

Enel: Kein Strom für Krypto-Mining

Das Problem ist neben dem Image der Kryptowährungen aber auch die immense Dimension des jährlichen Stromverbrauchs. Gerade im Hinblick auf den Nutzen, den Bitcoin und Co. im Gegenzug für den verbrauchten Strom erzeugen, ist das ein ernsthaftes Problem. Dies sehen auch einige renommierte Energieunternehmen so. Denn bei all den Bemühungen, unser Leben energieeffizienter zu machen, ist die bewusste Förderung eines so massiven Mehrverbrauchs mindestens ein Schritt zurück, zumal die aufgewendete Energie für den wirtschaftlichen Aufbau dutzender Entwicklungsländer besser genutzt werden könnte. Einen solchen Standpunkt vertritt beispielsweise der italienische Energiekonzern Enel, der Bitcoin-Miner vor kurzen mit einem Verweis auf die eigenen Geschäftsgrundsätze abblitzen ließ. Der Energiehunger des Krypto-Booms ist also Chance und Risiko zugleich. Wohin das Pendel letztlich schlägt, wird die nahe Zukunft zeigen.