Das ist der aktuelle Status von Virtual Reality

Die Älteren erinnern sich. Schon in den 1980er-Jahren kam durch den Science-Fiction-Roman „The Judas Mandala“ erstmals der Traum von der virtuellen Realität auf. Heute, keine 40 Jahre später, ist die Vision des Autors Damien Broderick Realität.

Quelle: stock.adobe.com/s4svisuals
Mittlerweile hat die Technik einen Stand erreicht, der es uns ermöglicht, in virtuelle Welten abzutauchen. Aber ist Virtual Reality nach dem Internet und dem Smartphone wirklich das nächste „große Ding“?
Oder geht es der virtuellen Realität wie vielen anderen Technologien, die auf dem Abstellgleis der Technikgeschichte gelandet sind? Kommen Sie mit auf eine spannende Reise und entdecken Sie das Potential, das wirklich in der virtuellen Realität schlummert. Dieses ist nämlich weitaus größer als gedacht und macht bereits jetzt einst Undenkbares möglich.

lifestrom: „Was ist Virtual Reality?“

Ganz allgemein versteht man unter virtueller Realität eine computergesteuerte bzw. generierte Realität mit Bild und Ton sowie physikalischen Eigenschaften. Für die Wahrnehmung und Gestaltung der Virtual Reality gibt es mehrere technologische Verfahren. Wichtig für die realistische Darstellung der digitalen Welt ist die Einbettung des Nutzers in die virtuelle Welt (Immersion). Hinzu kommt ein hohes Maß an Plausibilität und Interaktivität. Unter dem Strich bedeutet das, dass die VR so gestaltet ist, dass der Nutzer umfangreich mit der Welt interagieren kann.

Welche Technologien kommen für die virtuellen Welten zum Einsatz?

Die verbreitetste technologische Basis sind Head-Mounted-Displays, umgangssprachlich auch VR-Brille genannt. Durch das Einspielen zweier Bilder aus unterschiedlichen Perspektiven wird ein räumlicher Eindruck erzeugt. Auf dem Markt existieren sowohl aktive Technologien wie zum Beispiel Shutterbrillen als auch passive Technologien wie Infitec. Das Umsehen im virtuellen Raum ist eine Sache. Für den Realismus ist aber die Interaktivität entscheidend.
Damit sich der Nutzer im virtuellen Raum bewegen kann, kommen Eingabegeräte wie Datenhandschuhe, 3D-Mäuse oder Flysticks zum Einsatz. Letzteres ist besonders interessant, da es sich um ein Infrarot-gestütztes System handelt. Dieses erkennt mit Hilfe von Markern und einer Infrarotkamera die Position im realen Raum und meldet sie an das VR-System. Damit kann sich der Nutzer ganz ohne Kabel frei bewegen. Über sogenannte Force-Feedback-Technologien ist auch die Übermittlung von haptischen Eindrücken der digitalen Welt möglich.

So entstehen virtuelle Welten

Für die glaubhafte Darstellung der virtuellen Welt muss der Computer diese in Echtzeit mit mindestens 25 Bildern pro Minute berechnen. Dabei werden die Bilder für das linke und das rechte Auge getrennt berechnet. Idealerweise sollte die Anzahl der Bilder pro Sekunde möglichst hoch sein. Für diese flüssige Darstellung sind jedoch leistungsstarke Computer mit starken Grafikprozessoren notwendig. Je komplexer und größer die virtuelle Welt, desto höher die Anforderungen.
Erstellt wird die Virtual Reality mit Hilfe von 3D-Grafiksoftware wie 3D-Studio Max, Maya, Blender oder Cinema 4D. Die Virtual Reality muss aber nicht komplett digital erstellt worden sein. Mit Hilfe einer 360-Grad-Kamera lassen sich auch VR-Filme erstellen. Beim Abspielen können sich die Nutzer dann frei in der dreidimensional gefilmten Szene umsehen.

VR nimmt langsam Fahrt auf

Seit die ersten massentauglichen VR-Brillen im Jahr 2016 auf dem deutschen Markt erschienen sind, hat sich einiges getan. Den größten Einfluss auf die Verbreitung der Technologie hatte bisher Oculus Rift und PS-VR. Dementsprechend ist die virtuelle Realität aktuell im Bereich der Videospiele am verbreitetsten.
Allerdings mangelt es dort auch aufgrund der begrenzten Rechenleistung noch an aufwendigen Spielen. Auch im Bereich des digitalen Lernens ergeben sich zunehmend praxistaugliche Anwendungen. Dementsprechend ist der Umsatz der Branche von 1,8 Milliarden US-Dollar (2016) bis auf 4,5 Milliarden US-Dollar (2018) gestiegen. Wozu aber nutzen die Deutschen die virtuelle Realität aktuell? Der Branchenverband Bitkom kommt in einer Umfrage zu folgendem Ergebnis.


Bis 2021 erwartet die Branche ein Umsatzwachstum auf rund 19 Milliarden US-Dollar. Diese Erwartung kommt nicht von ungefähr, denn der Preis für VR-Brillen befindet sich im Sinkflug. Der gleichen Umfrage von Bitkom zufolge haben 2018 immerhin 16 Prozent aller Befragten bereits eine VR-Brille ausprobiert.

Virtuelle Realität hat enormes Potential

Die virtuelle Realität hat eben durch das tiefe Eintauchen großes Potential. Und dieses Potential beschränkt sich bei Weitem nicht nur auf realistische Videospiele, die ein besonders packendes Erlebnis versprechen. Hier sind die Top 10 Anwendungen für VR-Technologie.

    1. Schulungen in der Industrie

Industrielle Anlagen sind komplex und teuer. Dementsprechend gut ausgebildet muss das Personal sein, das diese Anlagen bedient und wartet. Sowohl aus Gründen der Kostenreduktion als auch aus Flexibilitätsgründen bietet sich der Einsatz von VR zu Schulungszwecken an. Immerhin lassen sich an einem virtuellen Abbild zahlreiche Auszubildende parallel ausbilden, ohne dass es dazu teure Lehrmaschinen bräuchte.
Darüber hinaus ist auch die realitätsgetreue Simulation von Gefahrensituationen möglich. Dies hat einen nachweislich höheren Lerneffekt als die blanke Theorie. Was in der Flugbranche und beim Militär bereits der Status Quo ist, könnte demnächst also auch in der Industrie Standard sein.

    2.VR-Marketing

Bei einigen Autohändlern ist bereits die VR-Technologie im Einsatz. Gerade hier bietet sie einen großen Nutzen, denn durch zahlreiche Ausstattungsoptionen gibt es Neuwagen selten von der Stange. Die Wahrscheinlichkeit ist daher hoch, dass der Wunschwagen nicht beim Händler steht. Mit VR können Sie bereits probesitzen und probefahren, bevor Ihr Traumwagen überhaupt gebaut wurde. Diese Praxis ist auf zahlreiche Branchen übertragbar und entwickelt sich künftig zum festen Bestandteil des zukünftigen Marketing-Mix.

    3. Behandlung mittels VR-Therapie

Die virtuelle Therapie ermöglicht viele medizinische Therapien, die in der „echten“ Realität kaum umsetzbar, zu teuer oder risikobehaftet wären. Interessant ist beispielsweise die Behandlung zahlreicher Phobien wie Höhenangst, Spinnenphobie oder Platzangst. Mit der sogenannten Virtual Reality Exposure Therapy beschäftigt sich unter anderem ein Forschungsprojekt der Hochschule Heilbronn. Chancenreich gilt VR auch bei der Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) von Soldaten oder nach Unfällen. Auch für die Behandlung von Phantomschmerzen nutzt man bereits VR-Technologie.

    4. Operieren lernen im virtuellen Raum

Gerade für die Chirurgie ist VR-Technologie sehr interessant. An der Universitätsklinik Basel setzt man bereits auf virtuell aufbereitete Computertomographie-Aufnahmen. Damit ist es den Ärzten möglich, den Befund von allen Seiten zu betrachten und eine Operation optimal vorzubereiten. Möglich ist auch der umfangreiche Einsatz im Medizinstudium, um angehende Chirurgen möglichst realitätsgetreu auszubilden, bevor diese einen echten Patienten behandeln.

    5. Immersive Journalism

Wo Texte, das gesprochene Wort und selbst Videoaufnahmen an ihre Grenzen stoßen, könnte künftig die VR in die Bresche springen. Im Rahmen des „Immersive Journalism“ soll das Weltgeschehen noch intensiver und eindrücklicher erlebbar sein. Befürworter sprechen davon, dass eine „Empathie-Maschine“ im menschlichen Gehirn angeworfen wird.

Ob die virtuelle Nachstellung von Sachverhalten aber nicht ganz im Gegenteil zu einer noch größeren Abstumpfung führt, muss sich zeigen. In jedem Fall würde die Verantwortung der Journalisten weiter wachsen, da die virtuelle Realität unsere Sinne deutlich stärker beeinflusst.

    6. Kino-Blockbuster in VR

Wer hat nicht schon immer den Traum gehabt, mitten in einem Action-Streifen gemeinsam mit Bruce Willis unterwegs zu sein? Mittendrin statt nur dabei wäre bei VR-Filmen mehr als ein platter Werbespruch. Zugegeben, der Effekt würde sich nicht bei allen Filmgenres einstellen. Actionfilme, Thriller, Horrorfilme und Naturdokumentationen wären aber mit Sicherheit ein echtes Erlebnis.

    7. Forschung und Interaktives Lernen

Es gibt unterschiedlichste Lerntypen. Der eine lernt besser durch Lesen, der andere durch Nachmachen. Dem Dritten reicht es, etwas erklärt zu bekommen. Mit Hilfe der virtuellen Realität lassen sich nahezu alle Sinne kombinieren. Und je mehr Sinne am Lernprozess beteiligt sind, desto leichter fällt das Lernen – das belegen wissenschaftliche Studien.

Das Einsatzgebiet reicht von der Erkundung des Weltraums und der Tiefsee bis hin zu archäologischen Forschungen. Erst kürzlich hat ein Forscherteam eine bedeutende Tempelanlage in Syrien per 3D-Scan vollständig digitalisiert. Nach der Zerstörung durch den sogenannten Islamischen Staat, ist die virtuelle Realität die einzige Möglichkeit, diesen Kulturschatz zu erforschen.

    8. VR-Streaming von Sportevents

Was für Kinofilme gilt, gilt ebenso auch für Live-Übertragungen von Sportevents. Ganz gleich, ob Segeln, Basejumping, Motorsport, Fußball oder American Football. Nahezu jede Sportart bietet ihren ganz eigenen Reiz für das Livestreaming per 3D-Kamera. Den America‘s Cup von der Bugspitze aus genießen? Das FA-Cup-Finale aus der Perspektive des Coaches sehen? Oder beim Formel 1 Grand Prix auf dem Nürburgring selbst die Verfolger beobachten? Mit VR alles kein Problem. Bis es zum VR-Livestreaming kommt, wird es aber noch dauern, denn die zu übertragenden Datenmengen sind enorm.

    9. Social VR

Der virtuelle Raum ist wie geschaffen für ein echtes virtuelles soziales Netzwerk. Und tatsächlich arbeiten bereits zahlreiche Entwickler an solchen Projekten. Künftig ist es also durchaus möglich, dass Sie sich mit Ihren Freunden zu einem Bier in einer virtuellen Bar treffen. Die Frage ist allerdings, wo genau der Nutzen liegt und ob wir diese Form des Zusammenlebens überhaupt wollen.

Der Erfolg der Simulation „Second Life“, die allein 2015 60 Millionen US-Dollar umsetzte, zeigt aber, das ein VR-Facebook mit Milliarden von Nutzern nicht ausgeschlossen ist. Entsprechend lukrativ wäre ein solches Netzwerk natürlich auch für Werbetreibende.

    10. Ganz besondere Filme

Hinter vorgehaltener Hand munkelt man, dass die Erotik-Film-Industrie ein entscheidender Faktor für den Erfolg so mancher Technologie war. Dementsprechend liegt die Vermutung nahe, dass expliziter Content auch für die virtuelle Realität eine Initialzündung sein könnte. Aktuelle Statistiken einschlägiger Portale deuten zumindest darauf hin, dass „VR“ immer beliebter wird. Derzeit liegt der Suchbegriff „VR“ auf Rang 15 der häufigsten Suchanfragen.

Wie kann ich Ihnen helfen?×

lifestrom ChatBot starten