Wie lange reichen die Erdgasvorräte noch?

Trotz energieeffizienter Geräte, verbesserter Motoren und neuer Produktionsverfahren steigt der Energiehunger der Welt weiter an. Das gilt auch für den Hunger nach Erdgas. Eine Nachfrageexplosion herrscht hier insbesondere durch die zunehmende Industrialisierung und Wohlstandssteigerung außerhalb der OECD-Staaten.

Aus welchen Ländern kommt unser Erdgas?
Bild: Marcel Wenk / stock.adobe.com
Gerade China, Indien, Brasilien und viele südostasiatische Staaten holen gegenüber dem Westen massiv auf und haben einen hohen Gasbedarf. Im Angesicht des steigenden Bedarfs stellt sich natürlich die Frage: Wie lange reichen die Erdgasvorräte noch?

Einfache Frage, komplexe Antwort

Ganz so einfach, wie man es sich vor Jahrzehnten noch gemacht hat, lässt sich eine solche Frage nicht beantworten. Immerhin hat unter anderem der renommierte Club of Rome in seiner bekannten Studie „Global 2000 Report“ aus dem Jahr 1977 in zahlreichen Punkten trotz zeitgemäßer Analysemethoden deutlich danebengelegen.
So etwa bei der Annahme, dass das Ölfördermaximum „Peak Oil“ bereits um die Jahrtausendwende erreicht sei. Nach der Angabe führender Experten ist „Peak Oil“ auch heute noch lange nicht erreicht. In puncto Erdgas verhält sich die Situation ähnlich. Bevor wir dieses Detail genauer beleuchten und uns den Gasvorräten widmen, müssen zum Verständnis noch einige Grundbegriffe geklärt werden.

Reserven sind nicht gleich Ressourcen

Wenn in den Medien über Rohstoffe berichtet wird, werden gerne einige zentrale Begriffe durcheinandergeworden, was zu unterschiedlichen Wahrnehmungen darüber führt, wie lange ein bestimmter Rohstoff noch verfügbar ist. Zentral ist der allgemeine Begriff „Ressourcen“. Als Ressource bezeichnet man die Gesamtheit aller nachgewiesenen und vermuteten nutzbaren Rohstoffe, wie zum Beispiel Erdgas. Dabei wird auch solches Erdgas zu den Ressourcen gezählt, dessen Vorkommen zwar bekannt, aktuell aber nicht wirtschaftlich und technisch gewinnbar ist. Auch Gas, das irgendwo in der Tiefsee oder etwa unter der Antarktis schlummert und noch gar nicht entdeckt wurde, zählt zu den Gas-Ressourcen unseres Planeten.
Strikt davon abzugrenzen ist der Begriff Reserve. Bei den Reserven handelt es sich nämlich nur um eine kleine Teilmenge der Ressourcen. Genau genommen um den Teil des Erdgases, der aktuell bekannte Vorkommen umfasst und technisch und wirtschaftlich abbaubar ist. Ein weiteres Kriterium ist die Vermarktung zu kostendeckenden Preisen. Ist es also nicht mehr wirtschaftlich ein Gasfeld auszubeuten, wird die Produktion gestoppt und das Gas bleibt im Boden. Damit verschwindet es auch aus der Menge der Reserven.
Bei den Reserven handelt es sich also keinesfalls um eine fixe Menge, anhand derer sich definitiv sagen ließe, wann alles Erdgas der Welt aufgebraucht ist. Vielmehr ist die Reserve dynamisch und passt sich dem Gaspreis und damit dem Prinzip von Angebot und Nachfrage an. Hinzu kommen neue Förderverfahren oder das Verbot von kritischen Förderverfahren wie beispielsweise dem Schiefergas-Fracking. Auch auf diese Weise kann die Reserve zu- und abnehmen. Leider wird heute an vielen Stellen der eingängige Begriff „Reserve“ verwendet, was vor allem bei Personen, die sich mit der Thematik nicht auskennen, einen falschen Eindruck entstehen lässt.

Wie hoch ist die aktuelle Reichweite unseres Erdgases?

Da aktuell niemand weiß, wie hoch das tatsächliche Ressourcen-Potential durch Exploration neuer Gasfelder und die Entwicklung neuer Technologie auf unserer Erde noch ist, verwendet man für nicht erneuerbare Rohstoffe die Reserven für eine Schätzung der Reichweite. Am genauesten ist hier die Verwendung der dynamischen Reichweite, die auch die Entwicklung des jährlichen Erdgasverbrauchs und des Angebots miteinbezieht.
Ebenso wie die effizientere Ressourcennutzung und die Substitution von Rohstoffen fließt damit auch der vermutete Zuwachs durch die Erschließung neuer Lagerstätten in das Endergebnis ein. Die aktuelle Reichweite für Erdgas kann jährlich dem Bericht der International Energy Agency (IEA) entnommen werden. Laut aktuellem „World Energy Outlook“ liegt die Reichweite des Erdgases derzeit bei gut 54 Jahren und damit auf einem deutlich höheren Niveau als in den 1980er-Jahren. Damals lag die errechnete Reichweite bei unter 50 Jahren. Ein Paradebeispiel also dafür, wie verbesserte Technologien, Neu-Explorationen und ein effizienterer Verbrauch die Erdgas-Reichweite ansteigen lassen.
Künftig ist zudem damit zu rechnen, dass zunehmend Gas aus neuen unkonventionellen Lagerstätten gewonnen wird. Zu nennen ist neben Schiefer-, Kohle-, und Sauergas beispielsweise „Tight-Gas“, das aus sehr schlecht durchlässigen Lagerstätten stammt. Eine Erdgasknappheit steht uns also in den nächsten Jahren erst einmal nicht ins Haus. Nichtsdestotrotz sollte die oberste Prämisse immer lauten, Ressourcen so effizient wie nur irgend möglich einzusetzen. Schließlich wissen wir nicht, wozu wir eine Ressource wie Erdgas in Zukunft einmal brauchen könnten.

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